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Worte: „Die wahre Geschichte vom Einhorn“

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diese Worte aufschreiben soll. Oder ob ich sie und die Wahrheit, die damit verbunden ist, nicht besser für mich behalte. Es wäre so einfach, tausende von Herzen zu schützen, wenn ich nicht aufschreiben würde, was ich weiß. Alles würde so weitergehen, wie bisher, eine glitzerbunte Welt. Aber nach langem hin und her überlegen habe ich mich nun doch dazu entschlossen, mein Wissen mit euch zu teilen. Zum Einen, weil ich denke, dass alle Menschen ein Recht darauf haben, an Wissen teilzuhaben. Aber vielmehr noch, weil ich morgens noch guten Gewissens in den Spiegel schauen möchte, ohne immer wieder jene quälende Frage mit mir herumzutragen, ob mein Schweigen in der vergangenen Nacht nicht wieder ein weiteres Kinderleben gekostet haben könnte.

Ich weiß wirklich nicht, ob sich etwas ändert, letztlich muss nach meinen Worten jeder für sich selbst entscheiden, wie sie oder er damit umgeht. Menschen können so unfassbar dumm sein. Wenn es allerdings um das eigene Überleben geht, dann kann sich dies jedoch vielleicht anders verhalten. Nun denn, lehnt euch zurück und lauscht meinen Worten. Aber lasst bitte das Licht an.

Nachdem ich meine Kamera mit sämtlichen Fotos der bisherigen Reise im Rahmen einer Wanderung in einem Collectivo verloren habe, verbrachte ich den gestrigen Tag damit, gemeinsam mit Stadtverwaltung, Sicherheitsdiensten und anderen Fahrern das entsprechende Collectivo ausfindig zu machen. Obwohl die Wahrscheinlichkeit, die Kamera wiederzufinden, von vornherein nur sehr gering war, so war allein der Versuch wichtig. Auch wenn ich schließlich mit einer gehörigen Portion Glück das entsprechende Collectivo gefunden habe, so bleibt die Kamera weiter verschollen.

Wichtiger als die Suche nach der Kamera war es mir, an den Ort der Handlung zurückzukehren und den Verlust gegen etwas Neues einzutauschen, irgendetwas, was ich stattdessen mitnehmen konnte. Ohne Idee, was dies sein könnte, streifte ich durch Yungay, einen kleinen Ort in den Bergen der Cordillera Blanca in Peru. Plötzlich verdunkelte sich der Himmel über mir. Ein Donnergrollen. Ohne Vorwarnung platzten die Wolken und entleerten sich in Bruchteilen von Sekunden über der Stadt. Glücklicherweise fand ich schnell eine kleine überdachte Ecke und setzte mich auf einen trockenen Stein. Ich beobachtete wie der Hagel herunterprasselte, der Regen die Straße in einen reißenden Fluss verwandelte und träumte vor mich hin. Plötzlich spürte ich einen kalten Hauch in meinem Nacken. Etwas feuchtes berührte meine Hand. Ich fühlte wie sich Gänsehaut über meinem Körper ausbreitete, aber seltsamerweise konnte ich mich nicht bewegen.

Auf einmal spürte ich einen leichten Druck auf meiner Schulter und plötzlich war ich wieder klar bei Verstand. Ich sah neben mich und erblickte eine alte Dame. Sie lächelte mich sanft an. „Du musst aufpassen, Junge. Sie sind wieder zurück!“ Dann setzte sie sich neben mich und legte ein paar Koka-Blätter in meine Hand. Gemeinsam saßen wir lange Zeit da, kauten unserer Blätter und schwiegen vor uns hin. Doña Antonia war eine Frau, die ich auf mindestens zwei Menschenleben schätzte. Tiefe Furchen durchzogen ihr Gesicht, das auf ein ereignisreiches Leben schließen ließ. Zu sagen, dass sie früher wohl eine wunderschöne Frau gewesen sei, würde ihr nicht gerecht werden. Denn trotz ihres hohen Alters strahlte ihr Gesicht immer noch eine Schönheit und Anmut aus, die anziehend war. Langes weiß-schwarzes Haar legte sich zu einem Zopf geflochten über ihre Brust. Rote Ohrringe gaben ihrem Gesicht eine Eleganz, die es eigentlich gar nicht zusätzlich benötigt hätte. Sie lächelte mich an. Und dann erzählte mir Doña Antonia eine Geschichte, wie sie seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dort in den Bergen, in denen die Frauen auch heute noch traditionelle Hüte tragen und die Männer von Hand das Feld pflügen.

„Die wahre Geschichte vom Einhorn“

Bist Du bereit, eine Geschichte zu hören,
Die kann Dich verzaubern oder für immer verstören.
Eine Legende, in finstrer Dunkelheit einst geborn
Die vergessene Wahrheit über das Leben des Einhorn.

Sicherlich hast schon gefragt wieso nie eins hast gesehen
Ich kanns dir sagen, weil dann schreckliche Dinge wärn mit Dir geschehn
Drum hör meine Warnung, wenn Du hast Dein Leben noch gern:
Trau keinem Einhorn, das Dir begegnet und halte Dich fern!

Nachts, bei Neumond, wenn sich Dunkelheit über die Welt legt;
Wird kratzend und quietschend ein Stein langsam zur Seite bewegt;
Ein Blinzeln, ein Zucken, ein Schnappen nach Luft;
Das schwarze Einhorn erwacht in seiner düsteren Gruft.

Im Dunkeln es hat lange Zeiten gelegen;
Ohne zu jagen, zu morden, sich fort zu bewegen;
Doch nun ist gekommen, jene finstere Zeit;
Es steigt aus dem Grab und ist für Grausames bereit.

Es schärft seine Krallen und wetzt seine Zähne;
Schminkt seinen Mund und kämmt seine Mähne;
Legt bunte Schleifen ans Horn, immer im Kreis;
Und färbt sein tiefschwarzes Fell ganz unschuldig weiß.

Ein Heißhunger nach Blut treibt es nun an;
Und sein Durst nach frischen Seelen wird irgendwann
auch Dich treffen, dann nimmt es Dich mit sich hinfort;
Und verzehrt Dich an einem ganz schrecklichen Ort.

Unschuldige Kinder sind seine liebste Laibspeise;
Die sucht und die findet es und nähert sich leise;
Die Kleinen, sie freuen sich, wenn sie es sehen;
Lassen sich blenden und überreden, mit ihm zu gehen.

Das schwarze Einhorn im weißen Gewand,
Leckt erst die Finger und beißt dann die Hand;
Es verzaubert mit Glitzer, so dass niemand kann fort sich bewegen;
Und raubt dann dem Körper jegliche Säfte von Leben.

Es dauert nicht lange, die Wandlung beginnt,
Bald wird ein weiteres Einhorn aus jenem Kind;
Verdunkelt das Herz, was zuvor noch erhellt;
Und lebt fortan weiter in einer anderen Welt.

Wenn dann die Nacht sich langsam verzieht;
Das schwarze Einhorn sich wieder begibt;
In seine Gruft und schläft hinter felsendicken Türen;
Um irgendwann auch Dich in seine Welt zu entführen.

So jagt es seit jeher in unserer Welt;
Und verzaubert die Menschheit, die es für etwas Magisches hält;
Im Dunkeln gebunden, in Stille gefrorn;
Dies ist die wahre Geschichte vom Einhorn.

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